Bei einer Einwohnerversammlung am 22. April 2026 in der Turnhalle an der Grundschule Flessau informierten die Hansestadt Osterburg (Altmark) und die 2012 in Dänemark gegründete Eurowind Energy GmbH mit Niederlassungen in Hamburg, Neuruppin, Leipzig, Marburg, Flensburg und Rostock rund 150 Gäste über ein mögliches „Energy Center“ in der Einheitsgemeinde Osterburg. Es wurde im Mai 2024 erstmals im Bauausschuss als grobe Idee öffentlich vorgestellt – zwei Jahre später ist sie vonseiten der potenziellen Investoren zu einem konkreten Projekt ausgereift. Es soll Biogas, Windenergie, Wasserstoffproduktion und regionale Wärme- plus Stromversorgung miteinander verbinden. Nach Angaben der Projektentwickler seien mindestens zehn Windenergieanlagen erforderlich, um die Anlage wirtschaftlich betreiben und grünen Wasserstoff erzeugen zu können.
Vor der zweistündigen Diskussionsrunde skizzierte Bürgermeister Nico Schulz die aktuelle Einnahmesituation der Einheitsgemeinde aus erneuerbaren Energien. „Windenergieanlagen bedeuten Pachteinnahmen, Steuereinnahmen und Einnahmen über Sponsoringverträge. In der Einheitsgemeinde Osterburg wurden im vergangenen Jahr 1 Mio. Euro Gewerbesteuern aus Windenergieanlagen eingenommen; plus Sponsoring, Grundstücksrechte, EEG-Gelder summiert sich das auf 2 Mio. Euro. Damit werden Steuern und Gebühren subventioniert, Vereine unterstützt, die Budgets der Ortschaften erhöht und die Mittagsverpflegung in den Kitas und Grundschulen unterstützt.“
Gleichzeitig wurden Vorteile für die Flessauer Bevölkerung in Aussicht gestellt: Über das Akzeptanzgesetz- und Beteiligungsgesetz Sachsen-Anhalt würden 60.000 Euro pro Windenergieanlage an die Einheitsgemeinde Osterburg gezahlt werden. Es sieht auch vor, dass davon 25 Prozent an die Ortsteile im Umkreis von 2,5 km ausgezahlt werden. Am Beispiel der mindestens notwendigen zehn Windenergieanlagen für die Umsetzung des Energy-Center-Konzepts mache das 600.000 Euro insgesamt mit 150.000 Euro davon direkt an die Ortschaft Flessau pro Jahr.
Dazu komme: Die Energiewerke Osterburg würden im Rahmen dieses Projektes ihren regionalen Bürgerstromtarif enwiO von 27,99 ct/kWh um zehn Cent auf 17,99 ct/kWh für alle Haushalte in den fünf Dörfern der Ortschaft Flessau senken (für 1.000 weitere Haushalte der Einheitsgemeinde Osterburg um fünf Cent auf 22,99 ct/kWh). Außerdem sei ein weiterer Ausbau der Fernwärmeversorgung in Flessau möglich, in Wollenrade komplett neu und auch in Osterburg könnte es mit dem Ausbau dadurch schneller vorangehen.
In der anschließenden zweistündigen Diskussionsrunde äußerten Einwohnerinnen und Einwohner Bedenken; vor allem über die durch das Projekt weiter zunehmende Zahl von Windkraftanlagen. Mehrfach wurde gefragt, warum zusätzliche Windräder notwendig seien, obwohl die Region bereits heute deutlich mehr Strom produziere als verbraucht werde. Auch Themen wie Naturschutz und Auswirkungen auf das Landschaftsbild, gesundheitliche Belastungen durch Schall und Schattenwurf, Rückbau und Entwässerung, Versiegelung landwirtschaftlicher Flächen und Sicherheitsfragen spielten eine Rolle. Vertreter von Eurowind erklärten dazu, dass alle gesetzlichen Vorgaben zu Schall, Umwelt- und Naturschutz eingehalten würden. Konkrete Standorte stünden noch nicht fest; verschiedene Karten mit möglichen Flächen seien bislang lediglich theoretische Planungsstände. Mehrfach betonte das Unternehmen, dass nicht einzelne Windräder, sondern das Gesamtprojekt aus Energieerzeugung, Wasserstoffproduktion und Wärmeversorgung im Mittelpunkt stehe und auch nur so funktioniere.
Auch innerhalb der Versammlung gingen die Meinungen deutlich auseinander. Während einige Teilnehmer wirtschaftliche Chancen und zusätzliche Einnahmen für die Region begrüßten, lehnten andere einen weiteren Ausbau der Windkraft grundsätzlich ab. Eine Bürgerbefragung wurde angeregt. Bürgermeister Schulz verwies darauf, dass formelle Bürgerentscheide in Bauleitverfahren gesetzlich ausgeschlossen seien, eine freiwillige Bürgerbefragung jedoch geprüft werde. Er unterstrich die Bedeutung frühzeitiger öffentlicher Beteiligung und kündigte weitere Informations- und Diskussionsrunden an. Die Veranstaltung endete nach knapp drei Stunden mit dem Hinweis, dass dies erst der Auftakt eines längeren Beteiligungsprozesses gewesen sei und einem gegenseitigen Appell, den Dialog fortzusetzen.

